Er war aufgeregt. Nach der langen Ausbildung wusste er natürlich, worauf es ankam, aber er war sich auch der grossen Verantwortung bewusst, die mit seiner Aufgabe einher ging.

Sein Mentor würde ihn heute ein letztes Mal begleiten, ihm aber zum ersten Mal selbstständig die Entscheidung überlassen.

„Ich halte mich im Hintergrund. Aber wenn du unsicher bist, scheue dich nicht, meine Unterstützung einzufordern. Falscher Stolz wäre hier nicht angebracht“

Er war sicher, dass er keinerlei Hilfe mehr bedurfte. Dennoch, der Gedanke war beruhigend, im Falle eines Falles auf den Rat seines erfahrenen Mentors zurück greifen zu können.

Schliesslich waren ihrer beider Entscheidungen absolut unumkehrbar.

Sie gingen langsam die Strasse entlang. Vor der mondän anmutenden alten Villa blieben sie schliesslich stehen. Ein aufmunterndes Nicken seines Mentors. Er klingelte.

Die alte Frau wunderte sich. Sie bekam nie Besuch. Vielleicht der Paketbote für einen ihrer Nachbarn? Der klingelte oft noch so spät. Aber das konnte nicht sein, heute war ein Feiertag. Sie warf einen Blick durch den Tür Spion und lächelte.

„Seid ihr nicht einen Tag zu spät dran, ihr beiden?“ rief sie den zwei Gestalten vor ihrer Tür zu „aber super seht ihr aus, sehr gruselig. Wartet, ich müsste noch etwas für euch haben.“

Einen Augenblick später öffnete sie die Tür, zwei Tafeln Schokolade in der Hand.

„Na was ist? Nehmt schon, oder wollt ihr euch eure Pfründe entgehen lassen?“ sagte sie mit amüsiertem Augenzwinkern.

Er wurde einen Moment unsicher. Vielleicht war sie die Falsche. Aber sein Mentor schüttelte fast unmerklich den Kopf.

Nachbarn wunderten sich am nächsten Tag über die beiden Tafeln Schokolade auf der Türschwelle. Und darüber, dass die alte Dame den ganzen Tag über die Rolläden nicht hoch zog.

Er fragte sich, ob seine Aufgabe, der er sich bis in alle Ewigkeit verschrieben hatte, mit der Zeit leichter werden würde.


Dies ist ein Text für das Projekt abc Etüden. Das Original, erfunden von Ludwig Zeidler, sah vor, eine shortest short story, bestehend aus höchstens zehn Sätzen zu basteln, in denen drei vorgegebene Wörter vorkommen müssen. Letztere Regel besteht nach wie vor, allerdings gilt seit kurzem nicht mehr die Zehn-Sätze Regel. Vielmehr gibt es nun eine 300 Wörter-Grenze.

Aber lest besser selbst bei Christiane nach, sie kümmert sich um alles Organisatorische, vielen lieben Dank 🙂 Wir anderen müssen nur noch schreiben, und zwar alle zwei Wochen mit neuen Wörtern, die aktuelle Wortspende kommt von Bernd

 

 

 

 

 

 

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