Man sollte meinen, je älter man wird, desto cooler wird man auch. Weil es einem irgendwann nicht mehr so wichtig ist, was andere von einem denken. Und weil man sich seiner selbst und was einen ausmacht, mit zunehmendem Alter mehr bewusst ist. Man weiss, was man kann, man steht zu dem was man ist, man hat eine Attitüde.

Ach, wirklich?

Als Kind war ich ziemlich überzeugt von mir. Als ich zehn war, las meine Mutter von einem Casting für ein Fernsehspiel mit Inge Meysel. Es wurden Kinderdarsteller gesucht, und meine Mutter meldete mich an. Ich ging also zu diesem Casting, musste einen Satz aus dem Film sagen, verhaspelte mich total, ging wieder nach Hause und bekam die Rolle trotzdem. Ich weiss noch wie ich davon erfuhr: Ich war bei meiner Oma und spielte im Hof. Meine Oma kam auf den Balkon und rief die Botschaft freudig zu mir herunter, wo ich gerade auf der Schaukel sass. Ich nickte und schaukelte weiter. Natürlich hatte ich keinen Augenblick daran gezweifelt.

Vor 25 Jahren etwa wurde ich von einem guten Freund gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, in einer Kabarettproduktion mitzuwirken. Es handelte sich um klassisches politisches Kabarett mit Musiknummern. Ich sollte daher auch singen können, ob ich mir das zutraue. Ich sagte damals, klar, singen kann ich. Während der Produktion dieses Kabarett Programmes merkte ich zum einen, wieviel Spass mir die Singerei tatsächlich macht, zum anderen stellte ich fest – dass ich es gerne richtig können würde, das Singen. Ich meldete mich daher zu einer Probestunde bei einer befreundeten Opernsängerin und Gesangslehrerin an. Eigentlich wollte ich erstmal nur wissen, ob meine Stimme überhaupt Potenzial hat. Meine Lehrerin, Elisabeth, meinte, durchaus sehe sie da Potenzial. Ich musste in der Probestunde „Hey Jude“ von den Beatles singen Das heisst, ich musste nicht, ich hatte mir das ausgesucht. Elisabeth hatte mir so ein Liederheft in die Hand gedrückt, so eins, wie man sie früher an jedem Lagerfeuer hatte, und zu mir gesagt, davon wirst du sicher irgendwas kennen, such dir ein Stück aus, und sing das mal vor.

„Hey Jude“ stellte sich als nicht die allerbeste Wahl heraus, denn der Song hat einen nicht unerheblichen Tonumfang. Ich bekam dann auch prompt die hohen Töne nicht. Elisabeth meinte trotzdem, ich sei ein Sopran, so von Natur aus, und das sei alles nur Übungssache.

So kam es, dass ich von da an Gesangsunterricht hatte. Elisabeth war zwar eine klassische Sängerin, hatte aber Schüler mit allen möglichen Vorlieben, Stärken, Ausrichtungen, auch aller Altersgruppen, und sie ging auf alle Schüler individuell ein. Ich sagte anfangs, ich würde sehr gerne Musicalnummern singen, und „West Side Story“ sei mein Lieblingsmusical, jedoch sei wohl die Rolle der „Maria“ für mich zu anspruchsvoll, Wohlgemerkt, ich sagte das, Elisabeth hingegen meinte, keineswegs, darauf könnten wir ohne weiteres hin arbeiten.

Tatsächlich sang ich bereits nach zwei oder drei Monaten Unterricht auf einem Liederabend zwar nicht die Maria, dafür aber die Eliza aus „My Fair Lady“. Ich finde das heute noch enorm und weiss nicht mehr, woher ich den Mut nahm, bzw wie Elisabeth es geschafft hat, mich dazu zu motivieren. Denn ich denke nicht, dass sie ihren Schülern immer gesagt hat, ihr seid toll, auch, wenn sie es nicht waren. Ich meine, wenn sich ihre Schüler auf halbwegs öffentlichen Auftritten blamieren, fällt das ja auch auf sie zurück und schädigt ihren Ruf als Lehrerin.

Wenn ich also nicht wirklich gut gewesen wäre damals, als wir „I could have danced all night“ probten, dann hätte Elisabeth mich  sicher nicht auf die Bühne gelassen.

Etwa zwei Jahre später erfuhr ich durch eine andere Gesangsschülerin Elisabeths, dass es ein offenes Casting für eine grosse Musicalproduktion geben sollte.  Offen bedeutet, wie der Name schon sagt, jeder kann hin kommen, es gibt keine Vorauswahl oder Ausschlusskriterien. Der Chor sollte besetzt werden für ein Stück mit dem schönen Namen „Space Dream“. Space Dream lief damals (1996) schon mit Kultcharakter in der Schweiz und sollte nun in Berlin ebenso erfolgreich werden. Man baute dafür eigens den Hangar II im Flughafen Tempelhof zum Theater um. Die ganze Geschichte wurde von Anfang an gross gepushed, es gab Plakate, ganzseitige Anzeigen in Zeitungen und Fernsehbeiträge. Hier sollte nach Möglichkeit ein zweites „Cats“ entstehen.

Ich ging also eines schönen Sonntag Vormittags zum Casting für diesen Chor. Mein Bewerbungssong war „Nothing“ aus „A Chorus Line“. Ich weiss noch, wie geil das war, den Song da zu präsentieren. Ich war komischerweise total cool, als es soweit war (vorher natürlich ein Nervenbündel) und die Reaktion der Jury (bestehend aus dem musikalischen Leiter, einem der Hauptdarsteller und – wer der dritte war, weiss ich leider nicht mehr) schien mir durchaus vielversprechend zu sein.

Nach zehn Tagen etwa kam der ersehnte Anruf, dass man mich in dem Chor wollte. Ich werde, glaube ich, nie im Leben vergessen, was das für ein Wahnsinnsgefühl war, wie bestätigt ich mich fühlte, wie stolz ich war.

Nachdem wir einige Wochen geprobt hatten, stand die Auswahl der Premierenbesetzung an. Unser Chor bestand zu dem Zeitpunkt aus etwa 90 Personen, auf der Bühne benötigt wurden 30 pro Vorstellung. Und was soll ich sagen: Ich sollte in der Premiere auftreten. Das empfanden damals die meisten als besondere Auszeichnung. War man nicht besonders gut, besonders herausragend, wenn man in einer grossen Show in der Premiere dabei sein sollte?

Ich sah das nicht so. Ich konnte mir nicht vostellen, dass es einen wirklichen Grund hatte, warum nun ich und keine andere für die Premiere ausgewählt wurde. Das war doch bestimmt mehr oder weniger nur Zufall und war weder meiner Stimme, noch meinem darstellerischen Talent oder meiner Bühnenpräsenz zu verdanken. Wir waren doch absolut austauschbar. Oder?

Nee, also ich bildete mir da nichts drauf ein. Ich fands toll, klar. Besonders, weil man mich, als Kleinste und daher in der ersten Reihe stehend, sogar in einem der diversen Fernsehbeiträge in Grossaufnahme bewundern konnte. Fand ich toll. Mich fand ich deswegen noch lange nicht toll.

Warum eigentlich nicht?

Nicht einmal, als wir aus finanziellen Gründen verkleinert wurden von ursprünglich 90 Leuten auf 60, auf der Bühne waren wir auch nur noch 20 statt 30, und ich NICHT unter denjenigen war, die entlassen wurden, hielt ich das für einen Beweis meiner Fähigkeiten.

Warum eigentlich nicht?

Auch als ich mehrere Male von Leuten, die mich nicht kannten, angesprochen und um ein Autogramm gebeten wurde (jawollja 😉 ), weil sie mich – in zivil – als Mitglied des Chores wiedererkannt hatten, obwohl wir alle total gleich aussahen und völlig verfremdet geschminkt und kostümiert waren, war das für mich nichts, auf das ich mir etwas einbildete.

Warum eigentlich nicht?

Irgendwann wurden die Hauptrollen neu ausgeschrieben. Die Darsteller hatten nicht alle langfristige Verträge, die Rollen mussten teilweise neu besetzt werden. Wir Chorleute allerdings waren ausgeschlossen vom Casting. Das führte fast zu einer Revolution, so dass es schliesslich hiess, okay, ihr könnt euch bewerben, aber ob ihr wirklich vorsingen dürft, entscheiden wir. Natürlich bewarb auch ich mich, aber mein Name stand dann nicht auf der Liste der wenigen, die vorsingen durften. So erging es natürlich auch vielen meiner Kollegen, aber einige von denen hielten sich nicht dran. Sie gingen einfach ohne Einladung zum Vorsingen. Und natürlich liess man sie.

Warum  habe ich das nicht auch getan?

Zwar kam keiner meiner Chorkollegen, die an dem Vorsingen teilgenommen hatten, in den Genuss, eine Hauptrolle übernehmen zu dürfen, aber darauf kommt es nicht an.

Es kommt darauf an, dass man sich mal was trauen muss.

Ich kann das nicht. Nicht mehr jedenfalls. Als der Autor dieser Kabarett-Produktion mich damals fragte, ob ich auch bei seinem neuen Stück wieder mit machen will, sagte ich: „unter der Bedingung, dass ich ein Solo kriege“

Ich kriege heute Schweissausbrüche, wenn ich daran denke, dass ich das damals gesagt habe. Aber da war ich 25 Jahre mutiger jünger. Oder unbekümmerter. Oder so.

Ich will gar nicht erst anfangen, zu analysieren, woran es wohl liegt, dass ich mit zunehmendem Alter immer weniger Vertrauen in meine Fähigkeiten zu haben scheine. Ich habe mich zu Space Dream Zeiten auch mal für eine Rolle im Musical „Chess“ beworben, dafür musste man u.a. eine Szene aus einem Theaterstück vorspielen und ich Grössenwahnsinnige – damals, vor 20 Jahren – hatte die Maggie aus „Die Katze auf dem heissen Blechdach“ einstudiert. Ja, war ich denn von allen guten Geistern verlassen? Natürlich wurde ich nicht genommen, aber heute würde ich so etwas nicht einmal mehr annähernd auch nur im entferntesten in Erwägung ziehen.

Ich kriegte übrigens mein Solo. Die „Zitty“ schrieb damals wohlwollend, insbesondere sei die Musikalität der drei Darsteller hervorzuheben gewesen, wann bekäme man im Kabarett schon mal mehrstimmigen Gesang zu hören. Dass wir mehrstimmig sangen, war damals meine Idee gewesen. Unser Pianist war begeistert, hätte es aber von sich aus wohl nicht vorgeschlagen. Man könnte also sagen, die halbwegs annehmbare Kritik in der Zitty (die anderen Kritiken waren nicht so besonders…..) war zu einem guten Teil mein Verdienst.

Wenn ich anders wäre, als ich bin, würde ich mir da wohl im Nachhinein noch ein Ei drauf pellen 

😉