Vor kurzem schrieb ich einen kleinen Artikel darüber, wie manchmal alles funktioniert, alles läuft, alles stimmt, und alles perfekt ist. Und dass man solche Zeiten in den Gedanken festtackern muss. Gerne nachzulesen hier, allerdings werdet ihr die nun folgende Geschichte auch so verstehen.

Mein Jo und ich waren letzte Woche im Urlaub in Holland. Jo kennt und liebt diesen Ort – Zoutelande – seit mehr als zwanzig Jahren, und so war klar, dass er ihn mir alsbald nach unserem ZusammenFinden auch nahebringen würde. Vor zwei Jahren waren wir zum ersten Mal gemeinsam dort, und auch mich begeisterte der Ort mit seiner Beschaulichkeit, seiner Gelassenheit – und nicht zuletzt dem fantastischen Strand, wo jeder, auch während der Hochsaison, die wir allerdings meiden, seinen Platz findet.

Jo und ich haben beide Multiple Sklerose. Ich selbst bin noch mobil, längere Gehstrecken sind zwar manchmal problematisch, aber ansonsten tut es mein Körper noch weitestgehend, mit Malästen seinem Alter entsprechend. Jo ist mittlerweile Rollifahrer, dem muss Rechnung getragen werden bei der Urlaubsplanung. Die Ferienhäuser, in denen er früher gewohnt hat, kommen nicht mehr in Frage, und so wohnen wir in einem gemütlichen Hotel mit familiärer Atmosphäre, einem hervorragenden Frühstücksbuffet (es gibt da Maple Sirup zu den Poffertjes, hmmmm) und eben einem rollstuhlgerechten Zimmer. Zoutelande ist insgesamt sehr behindertengerecht ausgestattet, zumindest was die Geschäfte und Restaurants angeht. Die Unterkünfte allerdings haben in der Beziehung noch einiges nachzuholen. Unser Hotel ist eines von nur zwei Häusern (soweit ich informiert bin, falls jemand andere Informationen hat, bitte her damit 🙂 ), wo es adäquat ausgestattete Zimmer gibt.

Aber zunächst gilt es jeweils, hin zu kommen an den Ort der Begierde. 

Wir haben kein Auto, und deswegen reisen wir mit der Bahn. Nach Zoutelande sieht die Route beispielsweise so aus: S-Bahn Essen-Werden – Düsseldorf Hbf – Arnheim – Roosendaal – Middelburg – Zoutelande. Die letzte Etappe per Bus.

Wir sind immer mit einem Elektroscooter unterwegs. In Zukunft werden wir statt mit dem Scooter mit einem elektrischen Rollstuhl reisen, der beantragt und eigentlich auch bewilligt ist, aber noch nicht da. Deswegen gehörte zu unserem Gepäck dieses Mal noch ein leichter Faltrollstuhl, denn mit dem Scooter bis ins Zimmer, das funktioniert leider nicht 😉 Mit dem kleinen Rollstuhl draussen unterwegs zu sein, ist allerdings auch nicht möglich, ich kann nicht lange schieben, und Jo nicht lange selbst fahren, so dass wir beide Gefährte mitnehmen mussten. Letztes Jahr ging es noch mit einem Rollator für die Wege im Hotel…. die Zeiten sind allerdings vorbei.

Insgesamt sind wir – mit Umsteigezeiten – acht Stunden unterwegs. Ihr werdet jetzt sagen, oh mein Gott, wie kann man sich das antun für ein paar Tage Meer. Ich denke das auch oft – bis ich dann vor Ort bin. Und am Abreisetag denke ich es wieder 😉

Aber wie funktioniert das überhaupt, nach Holland mit E-Scooter und tausend Umstiegen. Nun, wichtig ist: Es funkioniert. Bei uns bisher immer ohne jede Panne. Zumindest keine, die die Bahn – weder die deutsche noch die holländische – zu verantworten gehabt hätte.

Wie geht man also vor: Zunächst sucht man sich eine passende Zugverbindung. Das kann man zu Hause am Computer tun, wir jedoch ziehen es vor, uns am Service Point der Bahn am Essener Hauptbahnhof persönlich beraten zu lassen. Im Zweifel haben die da ggf schon Infos über Baustellen, die eine bestimmte Verbindung, die man sich ausgesucht hat, nicht möglich machen. Ausserdem melden die Mitarbeiter, sozusagen in einem Arbeitsgang, die Mobilitätshilfe für jeden einzelnen Zug an.

Natürlich wäre es so viel schöner, wenn alle Züge mit Rampen versehen oder von vornherein auf Bahnsteigsniveau gebaut wären, so dass man die Mobilitätshilfen nicht braucht.

Die Einstiegshilfen sind in der Regel mobile Rampen, die von Bahnmitarbeitern (in Holland machen das auch gerne externe Mitarbeiter oder auch Taxifahrer 😉 ), herangekarrt werden. Diese „Rampenbeauftragten“ teilen dann dem jeweiligen Kollegen am Ankunftsort mit, in welchem Wagen sich der Rollifahrer befindet, so daß einen die nächste Rampe schon erwartet.

So soll es sein. So war es bei uns bisher immer. Auch wenn es mal eine Verspätung gab, so dass ein Anschlusszug nicht erreicht werden konnte. Dann wird flugs eine Alternativverbindung organisiert. Wir sind noch nie irgendwo stehen gelassen worden.

Natürlich kann das passieren, eine Garantie gibt es für nichts. Ich als ausgewiesene Horrorszenarienausmalerin habe – das muss ich zugeben – bei jeder Reise ein bisschen Bauchschmerzen. Es kann so viel schiefgehen.

Wenn aber alles klappt, ja, dann hat man den Papst in der Tasche

Bei unserer Reise letzte Woche hatten wir ihn in verschiedener Hinsicht. Bspw war am Anreisetag heftiger Regen vorher gesagt, so dass es uns hätte passieren können, dass wir durchgeweicht am S Bahnhof ankommen. Es blieb allerdings genau so lange trocken, bis wir im Zug sassen. Die Zugfahrt selbst war unproblematisch, alle oben beschriebenen Bausteine griffen gewohnt geschmeidig ineinander. Der Bus nach Zoutelande war recht voll, aber wir konnten mit fahren. Wir kamen dann bei heftigem Sturm, aber weitestgehend trocken in Zoutelande an.

Der zweite Tag war immer noch stürmisch, aber sonnig, es war warm, aber nicht heiss – das können wir krankheitsbedingt leider beide nicht gut vertragen – und genau so ging es die folgenden Tage weiter. Viele kleine Dinge passierten – oder passierten eben gerade nicht – was mich dann zu dem Artikel inspirierte, von dem oben die Rede ist.

Dann aber fing der Papst an zu schwächeln.

Der Scooter machte Zicken. Der Akku liess sich nicht mehr laden, oder nur noch minimal. Er verreckte in unserer Strandkneipe. Wir durften ihn dort aufladen und waren erst einmal beruhigt. Doch unglücklicherweise war der Akku nach zwei Stunden Aufladen immer noch leer.

Was nun? Wir konnten nicht ohne Scooter auskommen. Kurzerhand rief Jo bei einem uns bekannten Fahrradverleih an und organisierte einen anderen. Glücklicherweise war der Leihscooter nicht nur gerade nicht vermietet, sondern wurde uns innerhalb einer halben Stunde geliefert. Was mit unserem Scooter passieren sollte, der ja scheinbar keinen Piep mehr von sich gab, war zu dem Zeitpunkt noch völlig unklar.

Aber dann rappelte er sich wieder, der Papst, denn bei nochmaligem Versuch lud der Akku wieder. Es sah so aus, als würden wir mit der Leistung zumindest bis Essen kommen. Lange Strecken muteten wir ihm natürlich nicht zu.

 

Am Abreisetag luden wir den Scooter in unserer Stamm-Strandkneipe noch mal voll, oder jedenfalls so voll wie es eben noch ging. Für die kurzen Wege auf den Bahnhöfen musste das reichen, und in Essen würden wir ihn stehen lassen und ein Taxi nehmen – so der Plan. Bis uns durch einen blöden Zufall auffiel, dass auf der Steckdose, an der der Scooter hing, kein Strom war! Das war zunächst nicht aufgefallen, denn die Kontrolllämpchen des Ladegerätes reflektieren das Tageslicht so stark, dass man nur schwer erkennen kann, ob die nun leuchten wie sie sollen oder lediglich reflektieren. Ganz ganz blöd gelaufen.

Das war eine knappe Stunde, bevor wir aufbrechen mussten. Der Scooter, der vollgeladen schon nicht mehr leistungsfähig war, musste nun mit einer halben Ladung auskommen.

Wo war unser Papst? War er noch in irgendeiner Tasche? Man könnte meinen, nein, denn es kam alles noch verrückter:

Wir hatten für die Rückfahrt beschlossen, dass ich mit unserem Gepäck per Taxi nach Middelburg fahren sollte, während Jo den Bus nehmen wollte. Das diente dem Ausschluss des Risikos, aufgrund von zuviel Gedöns (der Scooter, der zusätzliche Rollstuhl) nicht befördert zu werden. Als der Juniorchef unserer Strandkneipe das hörte, erzählte er, er kenne jemanden, der ein Taxi hätte, mit dem der Scooter auch transportiert werden könne, den würde er gern für uns kontaktieren. Gesagt, getan, wir hatten nun ein Taxi für die Fahrt zum Bahnhof. Für uns und all unser Zeug.

Ich war skeptisch, Leute. So viele „Was,wenns“. Was, wenn das Taxi nicht pünktlich war? Was, wenn es doch kein geeignetes Taxi war?

Und was soll ich sagen: Alle „Was, wenns“ traten ein.

Spätestens jetzt glaubte ich nicht mehr daran, dass wir noch irgendwo den Papst in der Tasche haben.

Das Grande Finale sah nun folgendermassen aus: Die komplette Mannschaft der Kneipe trat zusammen, sie beratschlagten kurz, dann organisierte der Junior in einem Wahnsinnseinsatz ein Auto mit Hänger, sie luden den Scooter da drauf und schickten Jo mit dem falschen Taxi auf die Reise. Ich fuhr mit dem Junior, einem Küchenmitarbeiter als Helfer und unserem Scooter im Hänger.

Und wäre das falsche Taxi nicht, wir erinnern uns an die „Was Wenns“, zu spät gewesen, hätten wir unseren Zug bekommen. So konnten wir ihm nur noch winken.

Ihr denkt, das war es  mit dem Papst, oder? Nein, ich finde nicht.

Erstens gelang es dem Rampenmitarbeiter, der wie geplant auf uns gewartet hatte, unsere Beförderung mit dem nächsten Zug zu organisieren, mit dem wir dann tatsächlich alle ursprünglich gebuchten Anschlüsse bekamen. Es hat doch Vorteile, dass die holländische Bahn darauf besteht, für Übergangszeiten von mindestens einer halben Stunde zu sorgen bei der Buchung der Mobilitätshilfe. In Roosendaal waren wir daher wieder im Takt.

Und zweitens war das so schön, mitzuerleben, wie wildfremde Menschen sich für einen einsetzen. Der Junior liess es sich nicht nehmen, die halbe Stunde mit uns auf unseren Ersatzzug zu warten, er meinte, er gehe nicht weg, ehe wir nicht im Zug sitzen.

Das alles war natürlich völlig unnötig spannend.

Jedoch stellte ich während aller dieser Aufregungen zweierlei fest:

Erstens: Ich war auf einmal in der Lage, gelassen zu bleiben angesichts solcher nerviger Situationen. Früher wäre ich beispielsweise nie imstande gewesen, mich auch nur noch annähernd zu entspannen, nachdem so etwas passiert war. Ich hätte von da an nur noch die Probleme, die noch kommen könnten, im Kopf gehabt. Diesmal habe ich, als der Scooter nach dem Verrecken das erste Mal am Strom hing, das Gesicht in die Sonne gehalten und den Tag genossen, obwohl ich nicht wissen konnte, ob das Laden überhaupt was bringen würde. Zunächst einmal galt es abzuwarten, und da konnte man genausogut die Abwartezeit geniessen.

Zweitens: Ich hätte früher nie die kleinen „Glück-im-Unglück“-Momente zu schätzen gewusst. Dass wir den Leihscooter bekamen, dass er uns gebracht wurde, dass unser Scooter letztlich dann doch lud, der Einsatz der jungen Leute aus der Strandkneipe – das hätte ich früher alles nicht gesehen. Ich hätte nur gedacht „Was für ein Scheiss, warum muss das alles passieren“ und hätte nichts als schlechte Laune gehabt.

Jetzt denke ich: Es war ein wunderschöner Urlaub und wir hatten definititv die ganze Zeit über den Papst in der Tasche 🙂

Zu verdanken habe ich diese Gelassenheit meinem Jo. Er reagiert immer so beruhigend souverän, egal, wie verfahren irgendein Problem auch immer zu sein scheint. Von ihm stammt auch der Spruch mit dem Papst in der Tasche, den ich total witzig finde.

Mit Jo habe ich ihn immer, den Papst in der Tasche 😀

 

 

 

 

 

 

 

 

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