Dieser Blogartikel war ganz anders geplant. Ich hatte einen leicht bis mittelschwer politisch unkorrekten Beitrag im Kopf, auch schon fast zur Veröffentlichung fertig geschrieben. Inspiriert durch eine Begegnung auf dem Essener Weihnachtsmarkt.

Der kommt nun nicht. Ich wurde nämlich – ja, tatsächlich – statt dessen zu einer kleinen, sehr feinen Weihnachtsgeschichte inspiriert. Sie spielt aber ebenfalls in Essen 😉

Die Geschichte ist einer Bekannten passiert, sie hat sie aufgeschrieben und mir netterweise die Erlaubnis gegeben , sie hier weiter zu verbreiten.

Danke, liebe Erika 🙂

Türkische Weihnachten

Ich fahre seit sechs Jahren die gleiche Strecke zur Arbeit. Immer durch Altenessen- immer durch ein Wohngebiet mit„Migrationshindergrund“- wie man so sagt-
Immer an einem Laden mit Mitteleingang und zwei Schaufenstern an beiden Seiten vorbei. Geschenkartikel steht in Deutsch und Türkisch auf dem großen Schild über Tür und beide Fenster…für alle, die noch nach Antworten suchen- gibt es auch ein Weltsprache- Schildchen darauf ist zu lesen: Charms…
Im Sommer ist die Ladentür weit offen…dann sitzt ein älterer—ein sehr älterer— Türke vor dem Laden auf einem Höckerchen und wäscht und lackiert alte Fahrräder. Er trägt so ein luftiges „Kleidchen“, wie es ältere Türken tragen und hat trotz Schraubenzieher und Imbus- Schlüssel noch die Gebetskette in der Hand…ab und zu sehen ihm Kinder zu- oder andere betagte türkische Männer drehen ihre Ketten und labern. Der Laden ist voll mit allem Möglichen- man kann kaum alles visuell aufnehmen. Wenn man in die Fenster schaut, kann man sich kaum vorstellen, dass er davon überhaupt schon mal was verkauft hat. Ich habe ihn seit all den Jahren stets in Beobachtung…ich stalke ihn. Ich weiß, wenn der Rücken Terror macht und wann er mit sich und der Welt zufrieden ist…das Photo ist extra verschwommen, denn- ihr sollt ihn ja nicht stalken- das ist mein Opa! …na ja okay…Papa…jo…sagen wir mal Papa…mein richtiges „Modell“ ist irgendwo verschollen (…ja, ich weiß, dass er noch lebt- das ist aber auch schon alles…)- also, sorge ich mich halt um meinen Ersatz- Papa- der- natürlich nicht mal was von all dem ahnt. Jeden Tag gucke ich nach, ob alles okay ist…im Winter ist das oft nicht einfach,- vorgestern war das Wetter mild- da hat er ein wenig draußen geschraubt.Da wusste ich- alles ist okay!
Ich liebe diesen Mann- obwohl ich ihn nicht kenne.
Letzten Donnerstag hatte ich Panik, denn der Laden sah…als ich 17:00 Uhr nach Hause fuhr, ganz dunkel aus- und- immer befürchte ich, der Laden könnte für immer dunkel bleiben.…ich bin ja nur Beifahrerin, also kann ich genau reingucken…das Bild, das sich mir da bot, war überraschend- und sehr süß…der riesig große Plüsch- Weihnachtsmann im Fenster links—ja—richtig gelesen—Weihnachtsmann, -hatte nun eine blaue Lichterkette an…hinter ihm ab ging eine große Kette mit Nikolausstiefeln und ganz hinten im Laden glühte der Weihnachtsbaum- deshalb war in dem Laden von weiter weg her kein Licht zu sehen…

Das alles ist Deutschland- das alles sind wir…

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