Das hier ist eine Art Reisebericht. Nicht von der klassischen Art, auch wenn ich durchaus das eine oder andere empfehle – oder von etwas abrate, völlig subjektiv. Doch im Grunde ist es eine Geschichte darüber, dass manchmal einfach nichts klappt, aber irgendwie alles funktioniert.

Hamburg, du weißt, ich liebe dich. Du bist meine Lieblingskurzreisestadt. Mindestens zweimal im Jahr besuche ich dich. Du bescherst mir immer eine schöne Zeit, und mit deinem berühmten Schmuddelwetter habe ich nie was zu tun,  egal zu welcher Jahreszeit ich komme.

Jetzt ist aber auch schon Schluß mit der Lobhudelei. Du fängst nämlich an, dich auf deinen Lorbeeren auszuruhen, mein geliebtes Hamburg, so scheint es mir.

Du hast meine Liebe jedenfalls auf eine harte Probe gestellt, auch wenn ich zugeben muß, alles war nicht deine Schuld.

Mitte September war ich wie fast jedes Jahr anlässlich des Harbourfront Literatur Festivals bei dir. Zwei Nächte, fast drei Tage, zwei Lesungen.

Alles fing wie immer sehr vielversprechend an. Der Zug war beinahe pünktlich. Das Wetter hätte nicht besser sein können. Ich hatte nach langem Suchen zwei bezahlbare, gut gelegene Hotels gefunden.

Hamburg, du meinst echt, wir, deine dich liebenden Besucher, sind alle Krösusse. Und was soll das eigentlich immer mit dieser Messe Rate, erklär mir das mal

Da ich mich nicht entscheiden konnte, buchte ich kurzerhand beide Hotels. Eins für die erste, das andere für die zweite Nacht. Sollte mir das erste gut gefallen, konnte ich immer noch das andere wieder stornieren, natürlich vorausgesetzt, das erste Zimmer wäre auch für die zweite Nacht noch vakant. Logisch.

Dieses erste Hotel gefiel mir auf Anhieb gut. Einfach, aber irgendwie charmant und ganz toll gelegen zwischen St Pauli und Schanzenviertel. Dusche und Klo leider auf der Etage, daher entschloss ich mich später, mein zweites gebuchtes Hotel am folgenden Tag auf jeden Fall zu beziehen, weil ich feststellte, dass kein eigenes Klo und keine eigene Dusche zu haben für mich höchstens für eine Nacht in Ordnung geht. Ich erhoffte mir von Hotel Nr 2 für eine Nacht etwas mehr Komfort und Bequemlichkeit. Schließlich war es auch erheblich teurer gewesen als das erste.

Diese Entscheidung – die mit dem Umzug in das andere Hotel – war ein schwerer Fehler, aber dazu später mehr.

Meine gebuchte Lesung fand in Altona statt, angeblich vom Bahnhof nur ca 1km Fußweg – bevor ich euch hier mit Details langweile, wie ich am Bahnhof Altona von einem Ausgang zum nächsten lief, (wieviele Ausgänge hat dieser Bahnhof eigentlich, ich glaube, ich habe mindestens sechs abgeklappert), jedesmal mittels meiner Routing App versuchte, herauszufinden, wo ich mich befinde bzw in welche Richtung ich von da wo ich stand zu dort wo ich hin wollte, gehen muß, beende ich diesen verwirrenden Satz lieber und stelle fest, ich fand die Location einfach nicht. Es kannte sie auch niemand, den ich fragte.

Die Autorin wird mich nicht vermisst haben, das Buch, das sie vorstellen sollte, hatte ich schon gelesen, also warum sich groß ärgern.

Liebes Hamburg, zugegeben, dafür konntest du nichts. Aber das war mir mit dir noch nie passiert, ich werte das im Nachhinein als schlechtes Omen, Karma, denk dir was aus. 

Ich stieg wieder in die S Bahn, machte noch einen Spaziergang durchs Schanzenviertel, wo es mir viel zu voll und zu laut war in den Straßencafes – oh je, ich glaube, ich werde alt. Ich fand aber schließlich eine entzückende versteckte Vinoteca, wo ich mich bei einem Longdrink namens Scharfes Herz mit dir, liebes Hamburg, versöhnte.

Später kam sogar noch ein guter Film in der Glotze („Vergiss mein nicht“ mit Jim Carrey und Kate Winslet, kann ich sehr empfehlen), so dass ich beim Einschlafen dachte, okay, von jetzt an wird mein Hamburg Trip gut.

Noch vor dem Aufwachen änderte ich meine Meinung.

Während des  Films schlummerte ich schon mehrfach ein. Obwohl es sehr warm im Zimmer war und man aufgrund der Lage meines Zimmers zu einer stark befahrenen Straße kein Fenster offen lassen konnte, fühlte ich mich recht gut und meinte, eine erholsame Nacht stünde in Aussicht.

Bis meine Nachbarn nach Hause kamen. Das war so gegen ein Uhr. Was folgte, war lautes Reden, Lachen, sowie undefinierbares Gepolter – vermutlich schoben sie zwei einzelne Betten zu einem Doppelbett zusammen. Noch ein paar Mal Türen schlagen, auch meine Nachbarn mußten ja zum Klo den Flur runter.

Jetzt muß ich das Ganze relativieren: die beiden waren nicht zu laut. Sie haben geredet, gelacht, gelebt. Das alles in Zimmerlautstärke. Und gegen halb drei spätestens war es drüben auch leise. Das Problem waren sehr dünne Wände und die Tatsache, dass ich entgegen meiner Gewohnheit kein Ohropax dabei hatte. An dieser Stelle freue ich mich noch im Nachhinein darüber, dass nebenan kein Schnarcher wohnte.

Ja ja ja, Hamburg, ich weiß was du sagen willst, und du hast natürlich recht. Das war nicht deine Schuld, es war  Murphys Gesetz.

Irgendwann schlief ich ein, mußte aber dank des bereits erwähnten fehlenden Ohropax mit meinen Nachbarn zusammen aufstehen, oder zumindest aufwachen, grrrrrhmmpf 😈

Beim Frühstück erholte ich mich langsam von der miesen Nacht. Man saß in einem sehr gemütlichen kleinen Frühstücksraum, es gab das übliche Selbstbedienungs Buffet,  allerdings ging der Chef der Bar regelmäßig  herum und schenkte Kaffee nach – wunderbar. Ebenso wie die Tatsache, dass gewisse Frühstücksbasics (Honig, zwei Sorten Marmelade u.a.) auf den Tischen schon bereit standen. Diese Details gefielen mir außerordentlich gut.

Dennoch checkte ich wie geplant aus und in meinem zweiten gebuchten Hotel ein.

Zumindest war das der Plan. Ich hatte Early Check In gebucht und vor, mich noch ein Stündchen hinzulegen. Oder vielleicht sogar zwei.

Tja, ihr ahnt es schon, mit dem Early Check In wurde es nichts. Ich schlug die Zeit bis ich das Zimmer beziehen durfte, in der Thalia Buchhandlung tot, weil ich einfach zu platt zu irgendwas anderem war. Sehr nett da, schöner Blick auf die Alster. Aber Hamburg, ich wollte nicht auf deine  Alster gucken, nicht jetzt jedenfalls. Ich nahm noch einen Kaffee und schlich dann kraftlos zur U- Bahn.

Ich hätte in dem ersten Hotel bleiben sollen, oh ja das hätte ich. Mein Zimmer, in das ich nun endlich durfte; hatte den Charme einer Gefängniszelle. Die Klimaanlage ließ sich nicht regeln, auch nicht abstellen  (was angeblich so gewollt war, wie ich später erfuhr, als ich das monieren wollte), es gab keinen Föhn und keinen Schrank, dafür aber genau drei Haken und eine Art Hutablage. Es handelte sich um ein Doppelzimmer mit  Zusatzkoje. Ich fragte mich, wie bis zu drei Personen hier ihre Klamüsen unterbringen sollen.

Aber mir konnte das egal sein, ich war nur eine Person und konnte die eine Nacht ohne Schrank auskommen. Der fehlende Föhn war eher ein Problem, denn meine Haare bedurften dringend einer Wäsche. Ist ein Föhn in modernen Hotels wirklich kein Standard? Dieses hier war die Low Budget Version einer bekannten Kette, mit nur zwei Sternen. Zimmer im modernen Design  (nicht schön, aber das ist ja Geschmackssache), minimalistisch-funktional, was aber offenbar nicht das Vorhandensein eines Haartrockners beinhaltet.

Nun, die Haare wurden gewaschen und trockneten von selbst, ich hatte ja eh vor, mich vor meiner zweiten Harbourfront Lesung noch ausgiebig auszuruhen.

Der Rest des Abends verlief erfreulich, die Lesung war spannend, die Location originell, der Zweck des Ganzen – ein bisschen Inspiration, Futter für Hirn, Herz und Seele – erfüllt. Das Treffen mit meiner Freundin aus Klecken war auch schön. Wie immer hatte sie erst nicht mitkommen wollen, wie immer kaufte sie am Schluss das Werk des entsprechenden Autors  😉

Ich schlief diesmal gut, auch ohne Ohropax, obwohl ich mir selbstverständlich noch welches besorgt hatte. Aber man braucht die Dinge nun mal nur dann wirklich, wenn man sie nicht dabei hat.

Morgens beging ich dann einen schweren Fehler: ich ging zum Frühstück in diesem modernen Low Budget Hotel.

Hatte das Zimmer den Charme einer Gefängniszelle, so setzte sich diese Assoziation konsequent bei Betreten des Frühstücksraumes fort. Ich dachte einigermaßen wehmütig an den gemütlichen Frühstücksraum in Hotel Nr 1 zurück. Daran, dass es dort warme gekochte Eier gegeben hatte. Mit, welch Luxus, Eierbechern. Hier hingegen schien man davon auszugehen, dass die Gäste ihre kalten Eier aus der Hand essen. Wie früher beim Schulausflug.   War bestimmt Teil des Konzeptes, so wie die nicht regelbare Klimaanlage. Ich dachte auch daran, dass man dort immer wieder mit frischem Kaffee versorgt wurde. Hier war nach meiner ersten Tasse erstmal die Maschine leer, und ich habe den Moment nicht abgewartet, bis sie nachgefüllt worden war.

Da das morgendliche Wetter noch nicht zum Checkout einlud, beschloss ich, die verschiedenen Möglichkeiten, die Zeit bis zur Abreise zu verbringen, in meinem ungemütlichen Hotelzimmer durchzugehen.

Ein Plan war, das Grab von Sylvin Rubinstein zu besuchen. Seine Lebensgeschichte fasziniert mich, seit ich im St Pauli Museum darüber gestolpert bin. Ich frage mich, warum der Stoff noch nicht verfilmt wurde.

Ich beschloss, dieses Vorhaben (also das Grab zu besuchen, nicht die Lebensgeschichte Rubinsteins zu verfilmen, obwohl, warum eigentlich nicht 😉 ) in die Tat umzusetzen, zumal es zu regnen aufgehört hatte und die Sonne sich zaghaft zeigte.

Aber ich mußte erst mein Gepäck irgendwo parken. Ich hatte keine Lust, meinen schweren Rucksack den ganzen Tag schleppen zu müssen.

Hamburg, dein Hauptbahnhof hat ja zum Glück Schließfächer.

Dorthin begab ich mich also, nur um festzustellen, dass nicht ein einziges Schließfach frei war bzw benutzbar. Halloooo!!! Hamburg???? Willst du mich verarschen????

Ich war sauer, aber richtig. Es war sowieso schon nicht weit her gewesen mit Kraft und Kondition (woran das im Allgemeinen und im Besonderen bei mir liegt, erkläre ich irgendwann, vorerst nehmt es einfach als gegeben hin, danke 😉 ), und ich wußte genau, mit Rucksack auf dem Rücken würde ich kaum ein paar hundert Meter Fußweg schaffen. Was hieß das nun für meine Planung, Rubinsteins Grab aufzusuchen? Daß sie sich erledigt hatte. Natürlich hätte ich zurück zu meinem Hotel fahren können, sicher wäre es möglich gewesen, das Gepäck da abzustellen, auch wenn ich schon ausgecheckt hatte. Aber das erschien mir zu umständlich. Davon abgesehen war ich inzwischen auch in einer Art Trotzphase. Ihr kennt das, wenn man in so einer Phase ist, scheinen sämtliche Lösungen bzw Alternativen nicht mal annähernd akzeptabel zu sein.

Ich whatsappte wutschnaubend mit Jo.

„Scheiß Trip, alles geht schief, ich nehm jetzt den nächsten Zug, der geht, egal was es kostet, ich will nach Hause“

So in etwa. Jo weiß, es ist keine gute Idee, auf solche Nachrichten ernsthaft antworten zu wollen. Mir gar Tipps oder Denkanstöße zu geben. Oder mich beruhigen zu wollen. Überhaupt nicht zu reagieren allerdings macht sich auch nicht gut, ihr kennt das 😉 Also beschränkten sich seine Antworten auf passende Emojis oder einzelne Wörter wie „Mist“ oder „Shit“, und so kam ich langsam aber sicher wieder von meiner Palme herunter.

Den Plan, mein gebuchtes Rückfahrticket zugunsten des nächstmöglichen Zuges verfallen zu lassen, hatte ich verworfen, statt dessen überlegte ich, wie ich nun das Beste aus der Situation machen konnte. Lange Fussmärsche waren nicht möglich, kurze eigentlich auch nicht. In der Innenstadt hatten sich zu allem Überfluss jetzt auch noch die Teilnehmer einer Anti TTIP Demo versammelt. Dies beobachtete ich vom Fenster der Thalia Buchhandlung aus, in die ich mich inzwischen erneut begeben hatte.

Na Prost Mahlzeit, also konnte ich auch nicht gemütlich an der Alster sitzen, zumindest nicht direkt hier und zumindest nicht gemütlich.

Wohin also? Das Wetter war inzwischen traumhaft. Zumindest in dem Punkt hast du dich so gegeben, wie ich es von dir gewöhnt bin, liebes Hamburg.

Ich beschloß schliesslich, zur Speicherstadt zu fahren.

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Ja, das war doch eine mehr als akzeptable Alternative. Beim letzten Mal, als ich dort war, hatte ich das Zollmuseum besucht. Sehr beeindruckend für zwo Euro Eintritt, wirklich, ich kann es jedem Hamburg Reisenden nur wärmstens ans Herz legen. Vielleicht würde ich noch mal hin gehen heute.

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Aber dann war das Wetter einfach zu schön, ich spazierte herum, erfreute mich an der Kulisse (Mann, ist das schön da, Leute), nahm hier und da Platz (ich liebe Orte, wo man einfach hier und da Platz nehmen kann, wenn man, wie ich, lange Strecken nicht gehen kann) und hatte darüber sogar fast den schweren Rucksack vergessen. Der übrigens objektiv gesehen gar nicht so schwer war, auf Dauer aber eben schon.

Die Demo gegen TTIP führte hier vorbei, die Polizei sperrte eine Kreuzung, alles völlig in Ruhe.

 Ich fand sogar noch eine kleine süße sehr italienische Trattoria am Wegesrand, wo ich lecker Nudeln aß und erfuhr, dass der Besitzer aus den Abbruzzen stammt, mit einer Deutschen verheiratet ist  und seine Kinder zweisprachig aufwachsen.

Solchermaßen mit mir, Hamburg und der Welt im Einklang, machte ich mich schließlich auf den Weg zum Bahnhof, denn es war Zeit, die Rückreise anzutreten.

Aus literarisch-dramaturgischen Gründen kann ich die Geschichte leider nicht zu Ende erzählen, denn sie soll ja suggerieren, dass ich mich am Schluss mit Hamburg ausgesöhnt habe. Dazu passt der Schluss nicht, der mit der Deutschen Bahn zu tun hat…..

Deswegen halte ich es mit Horst Evers und sage:

„Endet da“

 

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