Ich prokrastiniere.

Immer, in jeglicher Form oder Situation. Ich verschiebe wichtige Telefonate, unwichtige auch, obwohl es bei letzteren nicht so drauf ankommt, schon klar.

Ich prokrastiniere natürlich Dinge, die mir unangenehm sind oder die mir Angst machen.

Aber auch Dinge, die sozusagen neutral sind, die ohne Stress oder Anstrengung sofort erledigt werden könnten. Ich prokrastiniere sie trotzdem.

Ich bin andererseits sehr gut darin, Deadlines nicht übermäßig zu strapazieren. Ich versäume selten Termine. Wenn ich einen Behördenbrief innerhalb von 4 Wochen beantworten soll, dann wird dieser Brief allerfrühestens nach drei Wochen und 4 Tagen erledigt. Und zwar auch dann, wenn ich beispielsweise lediglich ein Formular unterschreiben und mittels beigefügtem Rückumschlag zurück schicken muss. Nicht eher als zwei, drei Tage vor Ablauf der Frist. Aber eben auch nicht zu spät.

Ich prokrastiniere sozusagen termingerecht.

Aber manchmal passiert eben doch ein Malheur. Zumindest auf den ersten Blick. 

Bei mir muß eine Augen OP  vorgenommen werden, ich habe Grauen Star. Bereits im Sommer wurde er bei meinem Augenarzt festgestellt, vor etwa 6 Wochen machte ich einen Termin zu einer Voruntersuchung in der Klinik .

Genau einen Tag vor dem Termin fiel mir ein, dass ich noch keine Überweisung hatte.

Natürlich wußte ich, dass ich eine brauche. Aber das hatte ja Zeit, nicht wahr? Als ich den Termin gemacht hatte, befanden wir uns eh im falschen Quartal.

An besagtem Vortag der Untersuchung rief ich also in der Praxis an, um anzukündigen, dass ich gleich käme, sie möchten bitte die Überweisung vorbereiten. 

Was um Himmels Willen  hatte ich mir dabei nur gedacht? So einfach ging das selbstverständlich nicht.  Da die Diagnose Grauer Star im vorletzten Quartal gestellt worden war, stand der Ausstellung einer Überweisung entgegen, dass ich vorher nochmal untersucht werden müßte. Was am selben Tag meines Anrufes natürlich nicht mehr möglich war.

Nun geht so ein diagnostizierter Grauer Star ja nicht von alleine weg bzw er wird auch nicht von alleine besser, also was spricht dagegen, einer solchen Patientin eine Überweisung für eine Voruntersuchung zu einer Katarakt OP auszustellen? Auch ohne sie vorher noch mal gesehen zu haben. Spätestens bei der Voruntersuchung, zu der sie überwiesen werden will, stellt sich der aktuelle Stand der Dinge ja sowieso heraus.

Ich sah das Problem nicht.  Aber das nutzte mir nichts. Ich bekam keine Überweisung.

Ich war genervt. Verärgert über mich selbst. Über den Nervkram, den ich jetzt wieder hatte. Der Untersuchungstermin war am nächsten Tag, und wahrscheinlich würden die mich ohne Überweisung nicht behandeln. OP verschieben war nicht das Probem, aber ich wollte die hinter mir haben, und ausserdem war das wieder so unnötig.

Wieder einmal schwor ich mir, aus dieser Erfahrung zu lernen, und nicht mehr zu prokrastinieren.

Am nächsten Morgen rief ich aber trotzdem in der Klinik an, um zu fragen, ob ich die Überweisung nachreichen kann.

Klar, sagten die, überhaupt kein Problem.

Tja, was lernte ich daraus? Dass ich auch in Zukunft weiter prokrastinieren werde.

Schon allein deshalb, weil ich dieses Wort so klasse finde.

Es – das hübsche Wort nämlich – begegnete mir vor ein paar Jahren in dem Buch „Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin“ von Katrin Passig und Sascha Lobo. Nachtigall, ick hör dir trapsen. Warum hatte ich mir diesen Ratgeber wohl besorgt? Wegen siehe oben, nur kannte ich das Wort da noch nicht. Die Autoren versichern in dem Ratgeber unter anderem folgendes: viel öfter als man denkt, erledigen sich Probleme durch liegen lassen. 

Oder durch Prokrastinieren 😉

Dennoch, liebe Kinder, ist diese Vorgehensweise nicht unbedingt zur Nachahmung empfohlen. Ich jedenfalls wäre viel lieber organisiert und diszipliniert. 

Aber das Leben ist kein Wunschkonzert.

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